Visionen 10/2007

Erbsenzählen für Fortgeschrittene

Erbsenzählen für Fortgeschrittene

 

Nach fast 18 Jahren Schule und Studium beende ich nun den Beruf des Lernenden, zumindest reduziere ich die 150% Tätigkeit des Lernens und konzentriere mich auf andere Betätigungsfelder.

 

Zeit um abzurechnen, mit dem Lernen, den Lehrenden und den Lernenden.

 

Als ETH Student gilt man gemeinhin als durchaus intelligent, vielleicht auch als fleissig. Letzteres gilt bestimmt nicht für alle, und auch an Ersterem sind Zweifel durchaus angebracht.

 

Aber was ist eigentlich Intelligenz und warum gelten wir als "Intelligent".

 

Wikipedia definiert es als: "Intelligenz bezeichnet im weitesten Sinne die Fähigkeit zum Erkennen von Zusammenhängen und zum Finden optimaler Problemlösungen."

 

Das Interessante an der Definition ist das schon die Fähigkeiten zum Erkennen von Zusammenhängen stark mit unserem Erlernten verhalten zu tun hat. Intelligenz sollte doch eigentlich unabhängig vom gelernten nur unser Potential eruieren.

 

Intelligenztests wie wir sie kennen funktionieren aber häufig genau nach diesem Muster und prüfen bestimmte Fähigkeiten ab die intelligente Menschen als intelligent ansehen. Dies erinnert stark an Münchhausens Problem aus dem Treibsand zu kommen.

 

Das folgende Problem dürfte solch ein allseits bekanntes Problem darstellen:

 

Was ist die nächste Zahl: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 ...

 

Jeder der nicht auf 21 kommt sollte sich aus der ETH wieder exmatrikulieren, die meisten werden sogar den Namen der Folge kennen. (Fibonacci-folge) Gerade solche Tests haben kaum etwas damit zu tun wie intelligent jemand ist, wie gut man in solch einem Test abschneidet hat vor allem damit zu tun ob man gerne solche dummen Folgen ergänzt. Und wer sie gerne macht lernt die Muster immer schneller zu erkennen. Es gibt also einen Lerneffekt. Wenn man in Intelligenz das Potential sieht dann dürften solche Lerneffekte nicht auftreten.

 
 

Wir sind halt Erbsenzähler und können das ziemlich gut weil wir es auch gerne machen und hunderte mal geübt haben. Manchen fällt es vielleicht etwas leichter anderen etwas schwerer. Mir fallen solche Probleme extrem leicht, dafür erstarre ich immer wieder vor Bewunderung wie manche Menschen mit Musik umgehen können.

 
 

Die Hören Töne und Akkorde auf den Halbton genau, können in Windeseile transponieren oder direkt Musik notieren die sie hören. Ganz zu schweigen von der Koordination der Finger beim spielen von verschiedenen Instrumenten.

 
 

Trotzdem hab ich noch nie Musikfragen in einem IQ-Test gesehen. War Mozart wohl doch kein Genie. Zumindest nicht auf der IQ-Skala.

 
 

Schule ist den IQ-Tests ganz ähnlich, am Schluss kommt eine Note pro Fach raus, selbst die sagt häufig nicht viel mehr aus als das Interesse für das Fach. Und danach macht man noch einen Durchschnitt, der so wenig aussagt wie ein IQ-Wert.

 
 

Unorthodoxe Ansichten haben zudem in einer Schule nichts verloren, ist die Schule vielleicht nur ein Test wie gut wir uns in die Gesellschaft integriert haben? (Das würde auch erklären warum "nicht besonders gut integrierte" Schüler ein Problem haben, unabhängig von deren Intelligenz.)

 
 

Ein eindrückliches Beispiel das selbst Prüfungen welche Wissen direkt abfragen eine Art Konformitätstest darstellen ist mir aus der Zeit an der Kantonsschule in Erinnerung geblieben. Unser Englischlehrer beharrte darauf das Datum auf die "einzige richtige Weise" zu schreiben, bei einem Abfragetest der nur 6 Worte abgefragt hat. Um dies durchzusetzen gab es für mich regelmässig eine Note Abzug, was mich aber nicht davon abhielt meinen eigenen Weg zu beschreiten.

 
 

Eigenes Denken wird nicht nur nicht gefördert, es wird bestraft. Fürs Leben haben wir gelernt das Anpassung den Weg vereinfacht; Ein Selbstbewusstsein und selber zu denken lohnt sich nicht. Dass die meisten Menschen sich dann keine eigene Meinung mehr bilden ist dann nur verständlich.

 
 

Bei mir erhält dieser Lehrer mindestens eine Note Abzug für seine Erbsenzählermentalität und für seine unflexible Haltung, wahrscheinlich ist er sich dessen nicht mal bewusst das er nur Normen anstatt Verständnis vermittelt, in einem IQ Test müsste er gut abschneiden, was aber offensichtlich noch lange kein Beweis für Intelligenz ist.

 
 

Eine ganz gegenteilige Erinnerung hab ich an meinen Geschichtslehrer, auch wenn meine Mitschüler von damals meiner Begeisterung nicht beipflichten werden. Zwar führte auch er solche Konformitätstests in Form von Lückentexten durch, aber der Unterricht war untypisch, ich spielte zu gerne den Advocatus Diaboli und war selten einer Meinung mit ihm. Es war eine Herausforderung das bessere Argument zu haben, und obwohl wir unterschiedlichster Ansicht waren hat er immer meine Ansichten respektiert.

 
 

Dann kam die grosse ETH und wieder einmal wurde ich gewarnt wie schwer das doch sein wird. Eigentlich hätte ich es nach den Warnungen zu Sekundarschule und Kantonsschule bereits wissen sollen, das der Unterschied doch nicht so gross ist wie immer alle behaupten.

 
 

Trotzdem unterlief mir der eine oder andere Lapsus in meiner Studentenzeit der mich auch Zeit kostete, auch wenn ich relativ leicht mitkam. Faulheit? Desinteresse? Konformitätsprobleme? Dummheit?

 
 

Ja! Und stolz drauf. Fehler zu machen muss erlaubt sein in einem gewissen Umfang, mir brachten sie häufig mehr als die vielen anderen Stunden die ich mit lernen verbracht hatte.

 
 

Natürlich gab es auch hier die Professoren mit denen man besser zurecht kam, und Professoren deren Stil man erst 5 Jahre später zu schätzen weiss. Zu manchem Professor ging man sogar obwohl man die Punkte nicht mehr brauchen konnte, nur um in der Stunde mitzudenken und anstatt Antworten zu erhalten, Fragen gestellt zu bekommen.

 
 

Und auch an der ETH ist Konformität und selbst Gruppendruck vorhanden, manche Professoren nutzen dies Geschickt aus, stellen eine Frage und erwarten die falsche Antwort. Wenn dann aber die richtige Antwort kommt, der Professor aber andeutet dies sei falsch schaltet leider auch der durchschnittliche Student (90%) sein Hirn aus, und glaubt dem Professor.

 
 

In diesem Sinne hoffe ich das ihr in Zukunft selbst denkt, und wenn ihr mal wieder an ein Problem mit Erbsen (oder nops) zählen angelangt seid, dann denkt erst mal drüber nach warum ihr das überhaupt tut.

 
 

Ich habe an der ETH nochmals viel gelernt, und ich möchte die Zeit nicht missen, ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Etwas das mich auch an die ETH getrieben hat, treibt mich nun weiter, die Neugier.

 
 

Meiner Meinung nach ist es die Neugier die uns Intelligent macht. Zu wissen, zu erfahren, zu denken, was wir zuvor nicht wussten. Nach mehr zu streben, unser Potential zu erforschen unsere "Intelligenz" zu nutzen.

 
 

Basiert lose auf "Middle class bean counting" in Mensa Inside Sept/06.

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